Das WIPIG-Interview mit Prof. Dr. med. Peter Kolominsky-Rabas zum Thema "Digitales Demenzregister Bayern und über die besondere Rolle der Apotheker beim Thema Demenz"
Prof. Dr. med. Peter Kolominsky-Rabas ist Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Health Technology Assessment (HTA) und Public Health der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und einer der Projektleiter von digiDEM Bayern.
Wir sprachen mit Herrn Prof. Dr. med. Kolominsky-Rabas über das Digitale Demenzregister Bayern und über die besondere Rolle der Apotheker beim Thema Demenz.
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, in diesem Zuge möchten wir Sie auch herzlich zum digitalen WIPIG-Mittagsgespräch am Donnerstag, den 18. April 2024 von 12.30 bis 13.00 Uhr, einladen unter dem Motto „Versorgung von Menschen mit Demenz in Bayern – Aktuelle Ergebnisse aus dem Digitalen Demenzregister Bayern (digiDEM Bayern)“. Die Anmeldung erfolgt über das BLAK-Fortbildungskonto mit der Kursnummer: BYA248105W.
Herr Prof. Kolominsky-Rabas, was verbirgt sich hinter dem Projekt digiDEM Bayern?
digiDEM Bayern steht für das Digitale Demenzregister Bayern. Es handelt sich dabei um ein über mehrere Jahre angelegtes Projekt des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention und hierbei geht es vornehmlich darum, die Versorgung von Menschen mit Demenz und die Situation der zu Hause pflegenden An- und Zugehörigen zu verbessern.
Das ist von großer Wichtigkeit, denn 70 % der Menschen mit Demenz in Deutschland werden zu Hause und eben nicht in Krankenhäusern oder Pflegeheimen versorgt, das heißt ausschließlich von Ehepartnern, Kindern, Enkeln, Verwandten und Freunden.
Die Demenz ist eine Art „Familienkrankheit“. Warum? Weil der Mensch mit Demenz im Laufe dieser progredienten Erkrankung nach und nach immer mehr Defizite erleidet. Denken Sie an Orientierungs- und Gedächtnisstörungen. Er kann nicht mehr vernünftig rechnen noch sprechen, er ist verwirrt, er versteht die Umwelt nicht mehr – und das führt zu herausforderndem Verhalten. Er ist in der Nacht unruhig, aber auch am Tag. Aus diesem Grund leiden Familie und Partner in der unmittelbaren Umgebung immer mit, weshalb der Begriff der „Familienkrankheit“ im Kontext dieser speziellen Erkrankung mit diesen enormen emotionalen und sozialen Auswirkungen für das nächste Umfeld auch zutreffend ist. Durch digiDEM Bayern versuchen wir zu erfahren, wie die Versorgung im häuslichen Umfeld ist, welche Probleme die An- und Zugehörigen haben und exakt dafür Vorschläge und Konzepte zur Versorgungsverbesserung und Angehörigenentlastung zu entwickeln.
Bereits seit vielen Jahren gibt es das Projekt Demenzfreundliche Apotheke in Bayern, in dem sich mittlerweile zahlreiche öffentliche Apotheken engagieren.
Das Projekt Demenzfreundliche Apotheke, das von Herrn Apotheker Dr. Jens Schneider in Augsburg vor vielen Jahrzehnten ins Leben gerufen wurde, war zum damaligen Zeitpunkt ein ausgesprochen revolutionäres Projekt. Herr Dr. Schneider hatte erkannt, dass diese spezielle Patientengruppe, die immer größer wird, besondere Bedarfe aufweist und damit ein besonderes Handling, einen besonderen Zugang und eine besondere Ansprache benötigt.
Vor diesem Hintergrund entwickelte er das Konzept der Demenzfreundlichen Apotheke, das in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Helmut Schlager und dem WIPIG der Bayerischen Landesapothekerkammer weitergeführt wurde. Das war damals ein ausgesprochenes Novum.
Wenn Sie betrachten, wie die Versorgung innerhalb Deutschlands und insbesondere in Bayern ist, dann stellen Sie fest, dass wir gerade in den ländlichen Räumen Bayerns – und das sind insbesondere die Grenzregionen zu Hessen, zu Thüringen, der tschechischen Republik und Österreich – unter einem Mangel an Hausärzten leiden. Außerdem finden Sie dort immer weniger Fachärzte, insbesondere Neurologen und Psychiater, die i. d. R. eher in den Metropolregionen angesiedelt sind. Die einzigen „Gesundheitseinrichtungen“, die dort noch niederschwellig und leicht erreichbar sind, sind die öffentlichen Apotheken. Das Netz ist noch umfassend und aus diesem Grund nehmen die Apothekerinnen und Apotheker der Vor-Ort-Apotheken eine außergewöhnliche Multiplikatorenstellung ein. Die öffentlichen Apotheken fungieren im ländlichen Raum als Relaisstationen für Information und Beratung. Aus diesem Grund halte ich die Demenzfreundlichen Apotheken für enorm wichtig. Bei digiDEM Bayern arbeiten wir auch mit einigen Apotheken zusammen, die für uns Patienten rekrutieren. Sie haben grundsätzlich einen hohen Stellenwert in der Gesundheitsversorgung der Menschen und insbesondere von Menschen mit Demenz im ländlichen Raum.
Wie genau können sich Apotheken nun bei digiDEM Bayern engagieren?
Nicht nur die demenzfreundlichen Apotheken, sondern alle Apotheken in Bayern können sich an der Patientengewinnung beteiligen. Teilnahmeberechtigt ist das gesamte Apothekenpersonal. Voraussetzung ist eine einstündige online-Schulung, in der über die Projektinhalte aufgeklärt wird. Dazu gibt es eine Kooperationsvereinbarung mit der Universität Erlangen-Nürnberg, damit die Aufwandsentschädigung erfolgen kann. Die Erstbefragung wird mit 120 € honoriert, die Nachbefragung in Höhe von 90 €. Die Dateneingabe erfolgt online, man benötigt also lediglich eine geeignete Räumlichkeit und einen Internet-fähigen PC. Der Zeitaufwand beträgt ca. eine Stunde. Damit tragen die Apotheken zum bayerischen Demenzregister bei, dem größten Demenzregister in Deutschland mit mittlerweile ca. 1800 Teilnehmern. Die Apotheken können die Daten, die sie generieren, übrigens auch verwenden. Wir stellen den Apothekerinnen und Apothekern Auswertungen über ihre Klientel in anonymisierter Form zur Verfügung, die dann für eigene Marktforschungszwecke oder auch wissenschaftliche Publikationen, wenn Interesse daran besteht, genutzt werden können.
Herzlichen Dank Herr Prof. Kolominsky-Rabas für das Gespräch!
Das Interview führte X. Steinbach.