Das WIPIG-Interview mit Natalie Klüver über das Spannungsfeld "Vereinbarkeit" – Geschlechterrollen, Arbeitsaufteilung, Paarkontext, die Frau als Partnerin, Mutter und Berufstätige
Natalie Klüver volontierte nach dem BWL-Studium mit Schwerpunkt Werbung-Kommunikation bei einer Tageszeitung und ist seit 2007 als freiberufliche Journalistin und Autorin tätig. Ihre Leserschaft wird regelmäßig u. a. vom Spiegel, Spiegel Online, der Süddeutschen Zeitung und der Brigitte mit Ihren Texten versorgt. Sie beschäftigt sich bevorzugt mit den Themen Frauen- und Kinderrechte, Familienpolitik, Muttersein und Vereinbarkeit, Mental Load, Kinderfreundlichkeit, Mütter-Burnout und Wirtschaftspolitik.
Wir sprachen mit Natalie Klüver über das Spannungsfeld "Vereinbarkeit" – Geschlechterrollen, Arbeitsaufteilung, Paarkontext, die Frau als Partnerin, Mutter und Berufstätige.
Frau Klüver, Sie sind Journalistin, Speakerin, Buchautorin und dazu Mutter und Partnerin – wie schaffen Sie das alles?
Manchmal klappt es gut, aber viel zu oft nicht wirklich ohne Spuren zu hinterlassen! Meine Kinder sind zwar mit 8, 12 und 14 Jahren "aus dem Gröbsten raus", wie man so schön sagt, aber ich stoße viel zu oft noch vor das Problem der Vereinbarkeit – wobei ich lieber von Unvereinbarkeit rede. Denn selbst als Freiberuflerin ist die Vereinbarkeit schwierig, manchmal unmöglich. Auf die Frage, wie ich es alles schaffe, kann ich also nur sagen: Ich schaffe nicht alles – nicht einmal einen Bruchteil, von dem, was ich schaffen sollte. Ein Haufen nicht umgesetzter Projekte und Artikelideen liegt auf meinem Schreibtisch, viel zu oft vergesse ich, den Kindern die 3,78 Euro für den Schulausflug mitzugeben oder habe ihr Sportzeug nicht frisch gewaschen. Und von meinem Haushalt will ich gar nicht reden. Was ich da alles nicht schaffe, ist weitaus mehr als nur der immer nachwachsende Wäscheberg.
Sie haben mittlerweile viele Bücher verfasst, darunter auch das Werk "Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein: Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter", das im Trias Verlag erschienen ist. Was hat Sie dazu bewegt, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen?
Auslöser war ein Fast-Burnout, den ich beim Schreiben des Buches davor hatte. Während ich am Schreiben war, die Deadline näher rückte, eines meiner Kinder mal wieder krank war – die waren damals in dem Alter, als ein Infekt den nächsten jagte – hatte ich einen sehr nervigen Tinnitus. Dazu gesellte sich dann ein völlig verspannter, schmerzender Kiefer. Und ich merkte: Ich muss dringend etwas ändern, sonst klappe ich zusammen. Ich konnte mir den Luxus erlauben, alle anderen Projekte auf Eis zu legen, mich nur auf das Buch zu konzentrieren und so habe ich die Kurve noch gekriegt. Da merkte ich zum ersten Mal, wie wahnsinnig das mit dem Muttersein manchmal ist – und wie viel Druck auf unseren Schultern liegt. Daraus entstand die Idee, in einem Buch diesem Thema auf die Spur zu kommen und gleichzeitig anderen Müttern eine Hilfestellung zu geben, wie sie sich vor einem Burnout schützen können.
Frauen im Spannungsfeld "Vereinbarkeit" – Geschlechterrollen, Arbeitsaufteilung, Paarkontext. Leben wir heute in einer gleichberechtigten Gesellschaft?
Klares Nein. Bevor ich Kinder hatte, fühlte ich mich sehr gleichberechtigt. Und war auch gegen eine Frauenquote. Seit ich Kinder habe, merke ich, wie tief die Gräben noch sind und wie weit der Weg noch ist. Und für eine Frauenquote bin ich auch. Ich bin seit 15 Jahren Mutter – und es hat sich erschreckend wenig getan in Sachen gleichberechtigte Elternschaft. Das sagen ja auch alle Statistiken. Die Gaps, vom Gender Care Gap, Gender Pay Gap, Gender Pension Gap sprechen eine deutliche Sprache. Und viele Beteuerungen von Unternehmen, Vereinbarkeit groß zu schreiben, sind vor allem eines: Beteuerungen. Ich beobachte auch zurzeit mit großer Sorge eine Rolle rückwärts in vielen Bereichen, die Care-Arbeit und Vereinbarkeit betreffen. Um eine wirkliche Gleichberechtigung zu erreichen reicht es nicht, wenn wir Frauen uns mehr "anstrengen". Wir brauchen auch die Männer. Ohne die geht es nicht. Und hier ist viel zu wenig Bewegung drin.
Frau Klüver, vielen Dank für das Gespräch! (Das Interview führte X. Steinbach)