Das WIPIG-Interview mit Prof. Dr. med. Marion Kiechle zum Thema Wechseljahre
Experteninterview mit Univ.-Prof. Dr. med. Marion Kiechle. Die Forschungsschwerpunkte von Prof. Kiechle liegen im Bereich der gynäkologischen Onkologie mit Augenmerk auf genetisch bedingten Tumorerkrankungen und der Etablierung individualisierter Krebstargets. Seit Oktober 2000 ist sie Direktorin der Frauenklinik des Klinikums rechts der Isar der TU München und Inhaberin des Lehrstuhls für Gynäkologie und Geburtshilfe. Sie war 1999 die erste Frau in Deutschland, die auf einen Lehrstuhl für Frauenheilkunde berufen wurde.
Frau Prof. Kiechle, wie kündigen sich die Wechseljahre an?
Das ist ein Prozess, der sich über mehrere Jahre erstreckt. Die ersten Vorbereitungen zur Beendigung der fruchtbaren Phase im Leben einer Frau starten mit der sogenannten Prä- und Perimenopause. Die Produktion von Östrogen und Progesteron wird langsam reduziert, die Hormonspiegel schwanken, sind nicht mehr so ausgeglichen wie vorher. Diese Phase kann einige Monate bis Jahre andauern, im Durchschnitt 4 Jahre. Bei den meisten Frauen stellen sich Unregelmäßigkeiten im Zyklus ein – insbesondere in Form von Blutungsstörungen. Rund 80 Prozent haben dadurch starke oder stark verlängerte Monatsblutungen. Das mittlere Alter der Perimenopause, das ist der Abschnitt ein bis zwei Jahre vor und bis zu einem Jahr nach der letzten Regelblutung, liegt bei 47 Jahren.
Welche Veränderungen finden im Körper statt?
Vorher nochmals kurz zum Begriff Menopause. Als Menopause wird der Zeitpunkt der letzten Monatsblutung bezeichnet, der folglich nur rückwirkend bestimmt werden kann. Im Mittel setzt die Menopause im Alter von 51 Jahren ein – die Spanne zwischen 45 und 55 Jahren gilt aber als völlig normal. Am häufigsten treten Hitzewallungen und Schweißausbrüche auf, davon sind rund dreiviertel aller Frauen, also in etwa 70 Prozent, betroffen. An zweiter Stelle – bei ca. zweidrittel der Frauen – stehen Stimmungsschwankungen, leichte Gedächtnisprobleme und auch Libidoverlust und ca. die Hälfte der Frauen leidet unter Schlafstörungen. Nach einiger Zeit kommt es durch den Östrogenentzug auch zu vaginaler Trockenheit, Muskel- und Gelenkschmerzen, aber das dauert etwas.
Gibt es auch eine gute Seite der Wechseljahre?
Ja, da kann ich aus eigener Perspektive berichten. Die Monatsblutung fällt weg, dadurch brauche ich keine Tampons und vieles andere nicht mehr, zudem war ich immer leicht verfroren, hatte nie warme Hände, nie warme Füße, einen kalten Hintern. Das ist, seitdem ich in den Wechseljahren bin, deutlich besser geworden. Mein Mann und ich haben nun ein ähnliches Temperaturempfinden, was in vielen Situationen sehr angenehm ist.
Was ist bei Wechseljahresbeschwerden anzuraten?
Die wirksamste und effektivste Behandlung ist die hormonelle Therapie, das muss man eindeutig sagen. Wenn man Hormone nimmt, sind die Beschwerden weg – egal welche.
Hormonersatztherapien haben aber nach wie vor einen schlechten Ruf. Zurecht?
Hormonersatztherapie ist in meinen Augen der falsche Begriff, denn es ist in diesem Sinne kein Hormonersatz, da in dieser Phase der Menopause die Östrogen- und Gestagenspiegel niedrig sind. Das ist ein normaler Abschnitt im Leben einer Frau und keine Krankheit, deshalb spreche ich lieber von einer Hormontherapie, weil das Wort Ersatz suggeriert, dass etwas fehlt. Natürlich kann die Abnahme dieser Hormone zu Beschwerden führen, aber es muss nicht so sein. Ein Drittel der Frauen ist praktisch beschwerdefrei. Ich war eine von diesen. Wenn ich ein- bis zweimal täglich Hitzewallungen hatte, über ein oder maximal zwei Jahre, dann war das schon viel – weitere Beschwerden hatte ich nicht. Gut, ich schlafe auch ein bisschen schlechter, aber dazu komme ich gleich noch. Aber unterm Strich waren die Wechseljahre für mich nicht sehr beschwerlich. Aus diesem Grund ist der Begriff Hormontherapie exakter als Hormonersatztherapie.
Es ist richtig, die Hormontherapie hat nach wie vor einen schlechten Ruf – das liegt an der Fehlinterpretation der großen WHI-Studie. Diese ist aus verschiedenen Gründen zu kritisieren. In dieser Studie wurde ein hochdosiertes synthetisches Hormonpräparat verwendet, das bei uns gar keine Anwendung findet. Es ist in der EU nicht verfügbar und wird auch nicht eingesetzt. Zweidrittel der Probandinnen der WHI-Studie waren krank, sie waren adipös, übergewichtig und hatten Vorerkrankungen wie Fettstoffwechselstörungen, Diabetes oder Herzerkrankungen, zudem gab es darunter viele Raucherinnen. Ziel der Studie war, den protektiven Einfluss der Hormontherapie auf das Risiko von Herzinfarkt und KHK zu untersuchen, deshalb wurden auch Frauen ohne Wechseljahresbeschwerden eingeschlossen, denn das Ziel war ursprünglich nicht deren Linderung. Ein Großteil der Frauen war über 60 Jahre alt. Durchschnittlich waren die Teilnehmerinnen bei Erhalt der Hormontherapie 63. Nach Veröffentlichung der Studie gingen die Verschreibungen von Hormontherapien weltweit zurück, was zu viel Leid auf der Welt geführt hat.
2016 wurde die Studie dann nochmals differenziert betrachtet und neu ausgewertet, mit dem Ergebnis, dass die Hormontherapie keineswegs zu verteufeln ist. Die Autoren fokussierten sich auf die Probandinnen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren und konnten nachweisen, dass für diese Altersgruppe die Hormontherapie mehr Nutzen als Risiken hat. Die Beseitigung der Hormonmangelsymptome führte zu einer Verringerung der Anzahl von Knochenbrüchen, weil Östrogene den Knochenabbau deutlich verlangsamen und dadurch vor Osteoporose schützen, und es gab eine geringere Diabetesinzidenz. Die Probandinnen, die ausschließlich mit Östrogenen behandelt wurden, z. B. auf Grund einer fehlenden Gebärmutter, wiesen eine geringere Brustkrebsrate auf als die der Vergleichsgruppe.
Letztendlich hat man daraus gelernt, dass eine Hormontherapie möglichst zeitnah zum Eintreten der Wechseljahre beginnen sollte bzw. nicht länger als 10 Jahre nach dem Einsetzen der Wechseljahre, denn dann ist die Gefäß-protektive Wirkung nicht mehr gegeben. Heutzutage verwendet man zudem sogenannte bioidentische Hormone, die schlussendlich den natürlichen Hormonen am ähnlichsten und demnach auch weniger problematisch sind.
Fezolinetant ist seit einiger Zeit gegen Hitzewallungen auf dem Markt. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Bislang habe ich damit gute Erfahrungen gemacht, ich behandle damit aktuell aber maximal fünf Patientinnen, die unter starken Hitzewallungen litten und eine Hormontherapie ablehnten. Die Aussagekraft ist also sehr eingeschränkt. Bei diesen Patientinnen hat sich die Häufigkeit der Hitzewallungen unter Fezolinetant deutlich reduziert, was auch zu einer Verbesserung der Schlafqualität geführt hat. Da der Wirkstoff noch nicht lange auf dem Markt ist, bleibt allerdings abzuwarten, welche weiteren Erkenntnisse wir gewinnen werden und ob es und ggf. welche späten Nebenwirkungen möglicherweise noch in Erscheinung treten werden.
Was können Frauen abseits der medikamentösen Therapien machen?
Sehr viel! Frauen sollten unbedingt auf ihren Lebensstil achten. Übergewicht vermeiden und Normalgewicht anstreben – dadurch schlägt man mehrere Fliegen mit einer Klappe, denn Übergewicht und Adipositas sind Risikofaktoren für viele weitere Erkrankungen, die im Alter gehäuft auftreten. Es ist wissenschaftlich belegt, dass eine Gewichtsreduktion bei Übergewicht zu einer Verminderung von Hitzewallungen führt.
Im asiatischen Raum treten Hitzewallungen als Problem der Wechseljahre nahezu nicht auf.
Das ist richtig, weil die Bevölkerung dort viel schlanker ist. Es gibt kaum dicke Japaner oder Chinesen. Generell gilt – scharfes Essen oder viel Coffein fördert Hitzewallungen – auch unabhängig von den Wechseljahren. Weitere Trigger sind Alkohol und Nikotin. Rauchen verschlimmert zudem vasomotorische Beschwerden, ganz davon abgesehen, dass es generell nicht gesund ist.
Der ungesunde europäische Lebensstil trägt also zumindest einen Teil zum Beschwerdebild bei. Was können Frauen sonst noch tun?
In den aktuellen Leitlinien werden zudem Entspannungsübungen, Meditation und progressive Muskelrelaxation empfohlen, auch psychologische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie in Form einer Gruppen- oder Einzeltherapie sind angeführt. Es gibt auch Studien zu klinischer Hypnose und Yoga, auch Akkupunktur kann Abhilfe schaffen. Man kann also sehr viel, auch abseits einer hormonellen Therapie, machen. Grundsätzlich muss hier jede Frau ihren eigenen Weg finden. Ich persönlich nutze das Prinzip der Autosuggestion, wenn ich schlecht schlafe. Meine Probleme lege ich vor dem Schlafengehen wie unter einer Glasglocke ab und am nächsten Morgen gehe ich sie an und löse sie. Wenn ich am Wochenende schlecht schlafe, stehe ich auf und beschäftige mich, bügle z. B. zwei, drei Hemden und dann gehe ich wieder ins Bett.
Ein Drittel der Frauen in den Wechseljahren hat keinerlei Symptome – machen die irgendetwas besonders richtig oder andersherum, die anderen etwas falsch?
Wir wissen, dass Frauen, die normalgewichtig sind und sich gesund ernähren, von Wechseljahresbeschwerden – insbesondere Hitzewallungen – weniger betroffen sind. 2018 gab es den Artikel „Mit Müsli gegen Menopause“ (https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Mit-Muesli-gegen-Menopause-225237.html) im Ärzteblatt, der das gut zusammenfasst. Gegen bestimmte Beschwerden kann ich auch häufig lokal vorgehen. Zum Beispiel kann ich vaginale Trockenheit lokal mit Östrogenen behandeln und muss keine systemische Therapie machen. Das ist auch bei Tumorerkrankungen möglich und die Wirksamkeit ist sehr, sehr gut.
Welchen Umgang von Seiten der Gesellschaft würden Sie sich in Bezug auf das Thema Wechseljahre wünschen?
Viele Frauen klagen darüber, dass die Menopause immer noch ein Tabuthema ist. Die gesamte Gesellschaft sollte darüber Bescheid wissen. Denn wann kommen wir Frauen in die Wechseljahre? Zwischen 45 und 55 Jahren. Viele berufstätige Frauen sind dann häufig auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und damit auch am meisten gefordert. Ein Schweißausbruch vor Gericht als Staatsanwältin kann dann sehr unangenehm sein, weil es so ausgelegt werden kann, dass man vermeintlich nicht gut vorbereitet ist, schlussendlich handelt es sich im Grunde aber nur um Menopausebeschwerden. Ganz plakativ gesagt – die Gesellschaft und insbesondere auch die Männer sollten aufgeklärt sein, denn die Männer sind Partner, Freunde, Arbeitgeber und Kollegen. Denken Sie z. B. auch an die Initiative zu Menopausen-freundlichen Unternehmen und Arbeitsplatzgestaltung – es lässt sich viel machen, um schlussendlich auch die Arbeitskraft von Frauen zu erhalten. Das ist auch im Sinne der ganzen Gesellschaft, denn die Menopause-bedingten Krankheitstage kosten unsere Gesellschaft neun Milliarden Euro pro Jahr – das ist schon relativ viel.
Frau Prof. Kiechle herzlichen Dank für das Interview! (Das Interview führte X. Steinbach)